Das Homeoffice als Schonoffice?

Was, wenn Homeoffice die Arbeit schlechter und teurer macht?

Agile Methodik findet sich schon als Methodik zu Entwicklung für Software seit den 90ern und ist überhaupt nicht kausal oder inhaltlich an Homeoffice oder agiles Arbeiten gebunden, also: Alter Wein in neuen Schläuchen. Seit 1995 findet Scrum schon Verwendung und ist jetzt nur eine aufgekochte alte Suppe – die natürlich noch lecker sein kann! Aber bitte, hier von neuem Normal zu sprechen zeigt, wie einfach wir alle durch Trends oder Umstände wie Corona manipulierbar sind. Alles neu macht der Mai… aber es bleiben die gleichen Pflanzen wie im letzten Jahr. Auch die Menschen bleiben gleich: ob man sie umtopft oder an ein sonniges Arbeitsplätzchen stellt ist keine wirkliche Innovation. Personalthemen hätten übrigens schon längst neu gedacht werden müssen. Lasst uns doch das Büro so schön wie möglich für die Mitarbeitenden machen und in begründeten Ausnahmefällen auch Homeoffice erlauben.

Aber ich versuche meine Argumente jetzt etwas übersichtlicher zur Diskussion zu stellen. Homeoffice ist durch die New Yorker Columbia University eingehend untersucht worden – dies geschah 2022, noch bevor Trump Druck auf die leitenden Akademiker der Universität ausgeübt hat! 

Aus der Perspektive meines Kompetenzfeldes – nämlich Marketing, Produktion, Kreation und Consulting ergibt sich aus dieser Studie kurz gesagt Folgendes:
Für kreative Abstimmung und den entsprechenden Austausch ist Homeoffice nicht geeignet. Das Leistungsvermögen der untersuchten Probanden sank im Homeoffice deutlich. Weiterhin lehne ich Homeoffice – bis auf Ausnahmen, die es auch in meinen Unternehmungen mit gutem Grund gibt – grundsätzlich ab.

Argumente dagegen…

  1. Die Datensicherheit und deren Schutz muss an zwei Arbeitsplätzen (zu Hause und im Büro) eingehalten werden.
  2. Schnelle digitale Zugänge müssen für Home und Office doppelt bereitgestellt werden.
  3. Zum Beispiel müssen Filmdatenmengen für einen Austausch von Homeoffice zu Büro langwierig gerendert werden. Upload und Download fressen zusätzliche wertvolle Arbeitszeit und belasten die energetische Nachhaltigkeit.
  4. Ein direkter Austausch zu Produktionsprodukten wie hochwertiges Bildmaterial, audiophile Musik oder Funkspots, hochwertige Drucke mit notwendiger Farbverbindlichkeit, nonverbale Kommunikation, emphatisches Miteinander, kreatives Chaos als Sprungbrett für gute Ideen sind nur eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich in einer Videokonferenz.
  5. Es gibt keine Energiesparpotentiale…im Gegenteil, Videokonferenzen oder Telkos erzeugen zusätzlichen Energieverbrauch, denn der Produktionsrechner in der Firma und deren Server müssen genauso weiter genutzt werden und zusätzlich der Rechner zu Hause.
  6. Organisatorisch kostet die Abstimmung von Mitarbeitenden zu Hause wie im Büro mehr Aufwand.
  7. Die Arbeitszeitkontrolle und die Ergebnisse lassen sich nur erschwert durchführen oder überwachen.
  8. Der Teamgeist, die schnelle Kommunikation und der Plausch bei Kaffee oder Zigarette (besser wäre Bio-Obst) bleiben ebenfalls auf der Strecke.
  9. Im Homeoffice leidet die Arbeit aber auch unter privaten Belangen, denen man sich nicht entziehen kann. Für die gut bezahlte Arbeit darf ich als Arbeitgeber auch verlangen, dass es keine Konzentrationssprünge zwischen Familie und Beruf gibt! Ich erwarte für mein Geld 100%.
  10. Im Homeoffice kann ich meinem Mitarbeiter keine Vorteile bieten, der teure Kaffeevollautomat, den sich die meisten nicht leisten wollen, kommt jedem Mitarbeiter im Büro zugute! Oder das Bio-Obst, dass sich nicht jeder leisten kann oder will. Das Büro muss zum zweiten zu Hause werden, mit Vorteilen für den Mitarbeitenden.

 

Hinzu kommt noch der Vorteil einer räumlichen Trennung von zu Hause und Arbeit. Es mag Mitarbeitende geben, die immer nur zu Hause sitzen wollen. Diese sind nicht nachhaltig genug und oft zu weit vom Puls unserer Arbeit entfernt. Dadurch schlagen solche Mitarbeiter kaum Wurzeln und sind somit auch keine wirklichen Teamplayer, zeigt meine Erfahrung. Auch eine schnelle Hilfe unter Kollegen bleibt vom Homeoffice aus. Mal mitanfassen oder helfen, Arbeit, die zur Überstunde führen könnte, abzunehmen – genau solche Kollegialität macht ein Team aus. Das ist für mich agiles Arbeiten und die normale Zukunft. 

Verstehen sie mich nicht falsch, aber wir nutzen natürlich fortschrittliche Methoden und moderne Kommunikations-Techniken im Büro und Arbeitsumfeld.  Doch das Homeoffice bleibt in unserem Aufgabenbereich nur für wenige Aufgabenarten sinnvoll. Aber das mag jeder selbst entscheiden. Erschwerend stellen wir fest, dass Arbeitswege sowie öffentlicher Nahverkehr unzumutbar geworden sind! Von diesem entsetzlichen Missstand mit Homeoffice ablenken zu wollen, wie es einige engagierte Beiträge in den Medien tun, ist eine Verzerrung der Realität. Zweifellos geht die schlechte Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen auf die katastrophale Bundespolitik der letzten 20 Jahre zurück. Und wenn ich in den Bundestag blicke, habe ich schon lange das Gefühl, dass dort viel zu viel Homeoffice gemacht wird!

Autor

Der gebürtige Ruhrpottler Rüdiger Konetschny ist Werber mit ganzem Herzen. Seit 30 Jahren arbeitet er als studierter Germanist und Publizist erfolgreich in der Werbebranche. Als Gastdozent war er an der BIZ Iserlohn oder der Hamburg Mediaschool aktiv. Er und sein Team arbeiten europaweit für große Handelsmarken wie Poco, Möbel Boss, Adler, NKD, KiK, Woolworth, TEDi sowie für den BVB, Vorwerk, ThyssenKrupp uvm.

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